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Mi 22.08.2018 09:47

Die VW-Radkappe aus einem Wartburg jetzt im Museum

Matthias Doht, Enrico Martin v.l.n.r.Enrico Martin vom Wartburgfahrerclub übergab an den AWE-Museumsleiter Matthias Doht eine VW-Radkappe mit handschriftlichen Unterschriften darauf. Diese Radkappe hat eine besondere Geschichte:
Unter strengster Geheimhaltung war 1983 im Automobilwerk Eisenach ein Wartburg 353 angeliefert worden, der sofort in eine einzelne Garage auf dem Betriebsgelände hinter der ehemaligen Betriebspoliklinik verbracht wurde und dort eingeschlossen wurde. Nach einer zusätzlichen Verschwiegenheitsverpflichtung bekamen zwei Versuchs-Ingenieure aus dem Bereich Forschung und Entwicklung vom damaligen Technischen Direktor den Auftrag dieses Fahrzeug in Augenschein zu nehmen. Dies geschah nachts unter sehr spektakulär anmutenden Bedingungen, denn in der Garage gab es kein Licht. Im Schein der Taschenlampen sahen dann die beiden AWE-Ingenieure, dass in diesem Wartburg ein VW-Motor längs eingebaut war. Dies war für alle Beteiligten schon eine Überraschung, denn vom anstehenden Geschäft der DDR zum Kauf von VW-Motoren hatte im AWE zu diesem Zeitpunkt noch keiner eine Ahnung.
Der Wartburg 353 war ohne Wissen des Automobilwerks Eisenach auf oberste ministerielle Anordnung dem IFA-Vertreib Berlin entnommen und nach Wolfsburg geschafft worden. Dort sollte die Versuchsabteilung von VW ein Muster schaffen, mit dem nachgewiesen werden sollte, dass der VW-Golf-Motor mit 1300 cm³ Hubraum in den Wartburg 353 eingebaut werden kann.
Da die Besichtigung dieses Versuchs-Warburgs nachts in der dunklen Garage nicht viel brachte, wurde der Wagen dann auch unter größter Geheimhaltungsstufe in den AWE-Betriebsteil Buchenau verbracht. Dort analysierten die Mitarbeiter der Abteilung Forschung und Entwicklung dieses Auto und nahmen es komplett auseinander. Dabei kam jene Radkappe zum Vorschein, auf der die damaligen VW-Kollegen einen inoffiziellen Gruß an die Kollegen nach Eisenach sandten. Die Radkappe zierten nämlich eine handschriftliche Grußbotschaft von Wolfsburg nach Eisenach und die Unterschriften der in Wolfsburg beteiligten.
Da dieses Korpus Delikte im DDR-System ein schwerer Verstoß - nämlich die Kontaktaufnahme mit dem Klassenfeind - darstellen konnte, ließen die Buchenauer AWE-Kollegen die Radkappe schnell verschwinden, damit diese kein offizieller Vertreter der Betriebs- oder Parteileitung sehen konnte. So war dieser Gruß von West nach Ost sicher verwahrt und erst nach der Wende 1990 kam die Geschichte in der Vollständigkeit ans Tageslicht. Michael Stück, der Eisenacher Automobilchronist, hatte die Radkappe in den Wendewirren in seinem privates Archiv gesichert. Dort hat diese Radkappe nun Enrico Martin in seinem Nachlass wiedergefunden.
Der Wartburg mit dem von Wolfsburg längs eingebauten VW-Motor erwies sich übrigens nicht fahrsicher und schon gar nicht serienfähig. Man hatte aus Platzgründen Motor und Getriebe ein Stück in den Fußraum des Innenraums geschoben und damit auch die Fahrstabilität und die Proportionen erheblich gestört.
Die VW-Radkappe wird auch nach Beendigung der Sonderausstellung "30 Jahre Wartburg 1.3" einen dauerhaften Platz in der Automobilausstellung des Museums finden. Gilt sie doch als kleines Zeichen der menschlichen Verständigung unter Kollegen auch in Zeiten der politischen Klassengegensätze über die Grenzen hinweg.

(Zum Vergrößern der eingefügten Bilder bitte Doppelklick auf das Foto)
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